Der unzerstörbarste Bewohner dieses Planeten (K.R.) gewährte der Zeitschrift mit den Bunnies (P.) in Tokyo eine Audienz und ließ die Puppen tanzen.
P.: Die lärmigen Stones im stillen Japan? Wie fühlst du dich hier in Tokio?
K.R.: Gut! Ich mag Japan. Die Stones haben Nippon sehr spät entdeckt. Wir waren das erste Mal 1991 hier, das ist für unsere Verhältnisse und Zeitrechnung gestern. Japan hat etwas Heiteres. Man weiß gar nicht, wohers kommt. Vielleicht ist es der Garten vorm Hotel. Die Menschen hier sind sehr nett. Eine merkwürdige Förmlichkeit, derer sie sich hier befleißigen. Ständig diese Danke, ich werde das für Sie herausfinden Richards-San". Es braucht ein paar Tage, bis man sich daran gewöhnt hat. Und wenn man dann in der nächsten Stadt ist, gucken einen die Leute komisch an, weil man sich immer noch verbeugt, wenn man nach einem Drink fragt.
P.: Apropos nächste Stadt. Die Stones-Karawane ist wieder on the road. Wie lange seid ihr schon und wie lange werdet ihr noch unterwegs sein?
K.R.: Die Bridges To Babylon-Tour geht, soweit ich das weiß, noch bis August/September 1998. Wir haben jetzt gerade Halbzeit. Zuerst waren wir in Amerika. Da hat uns El Ninõ mit einem Eissturm gestoppt. Die ausgefallenen Konzerte in Montreal, Kanada und in einigen amerikanischen Städten, Chicago und Syracuse werden Ende April nachgeholt. Die nächste Station nach Japan ist Südamerika: Rio, São Paulo, Buenos Aires. Und dann Europa, unter anderem auch Deutschland.
P.: Die Rolling Stones sind nicht nur the greatest rocknroll band in the world", sondern auch die dienstälteste. Zusammen bringt ihr gut 200 Jahre auf die Bühne. Wie lange wollt ihr noch auftreten?
K.R.: Wir machen das schon 35 Jahre lang, und es macht immer wieder Spaß. Wenn man in einer solchen Band spielt, dann geht es eigentlich um diese zweieinhalb Stunden da oben auf der Bühne. Alles andere muß man in Kauf nehmen. Aber diese Zeit auf der Bühne das ist es, worum es eigentlich geht und immer gegangen ist. Klar, da ist ein Mißverhältnis: 22 Stunden Herumhängen in irgendwelchen Hotels, im Flieger sitzen, durch die Welt reisen, dämliche Interviews geben und nur zwei Stunden richtige Arbeit, wo man sein Ding durchzieht und seine Ruhe hat da oben. Es ist immer noch so: Open the cage, let the tigers out ! Es hat mit Adrenalin zu tun. Man spielt vor diversen Divisionen da draußen, vor einer ganzen Armee von Fans. Das ist schon ein scharfes Gefühl.
P.: Backstage gibt es so etwas wie ein Allerheiligstes, der string room, wo alle Gitarren gestimmt werden und wo du dich mit Ron (Wood) einspielst.
K.R.: Ja, da stehen sie alle rum und werden gepflegt. Es ist unsere Waffenkammer. Die ganz teuren Teile nehmen wir nur so zum Spaß mit. Ron und ich haben da schon manches Sammlerstück. Die spielen wir live nie. Wenn ein Anderer die kaputt machen würde, würde ich ausrasten. Wenn ich sie selbst beschädigen würde, noch ärgerlicher. Deshalb benutzen wir die teuren Teile nicht auf der Bühne. Die sind zu fragil. On stage spielen wir die soliden Dinger, meistens Fenders, die nicht gleich verrückt spielen und rückkoppeln. Außerdem kann man sich damit auch gut wehren, wenns drauf ankommt.
P.: Apropos Sammlerstücke. Du hast doch bestimmt eine ansehnliche Kollektion von Gitarren, oder?
K.R.: Klar, aber ich suche nicht nach Gitarren. Die suchen nach mir. An den merkwürdigsten Orten entdeckst du vergessene Schönheiten. Gerade während einer Tour. Man ist kein Sammler, man wird einer. Leute schenken mir Gitarren.
P.: Themenwechsel: Auf dem aktuellen Album Bridges To Babylon singst du drei Songs anstelle von den üblichen zwei.
K.R.: Das fällt aber auch jedem auf. Der Grund dafür ist ziemlich einfach: Auf Bridges sind 13 Songs. Zwei mehr als gewöhnlich.
P.: In puncto Songwriting ist Jagger/Richards ja ein Gütesiegel wie Lennon/McCartney. Wie arbeitet ihr heute zusammen?
K.R.: Diesmal hat anfangs jeder für sich allein hingeprasselt. "Mach du, was du willst, und ich mach, was ich will, und dann sehen wir, wie es zusammenpaßt." Wir wußten, daß wir uns dann irgendwo und irgendwann treffen würden, und so war es dann auch. Das hat die Arbeit frischer und spannender gemacht. Für mich persönlich war es außerdem sehr wichtig, daß wir die Platte in einer großen Stadt wie Los Angeles aufgenommen haben. Denn die letzten zehn oder 15 Jahre haben wir uns immer freiwillig isoliert, irgendwo auf Montserrat oder sonstwo an einem abgelegenen Ort dieser Welt aufgenommen. In einer Stadt aufzunehmen, wo man Freunde einladen kann, das sorgt schon für eine andere Atmosphäre. Auf Bridges kann man deswegen auch Waddy Wachtel hören oder Jim Keltner oder Wayne Shorter. Wenn man feststellt, daß man für einen Song einen Saxophonisten braucht, dann kann man eben innerhalb einer Stunde einen so brillanten Mann wie Wayne ins Studio holen. Für Charlie (Watts) und mich hat die Tatsache, daß wir unser Album in einer Musikerstadt aufgenommen haben, sehr zum Reiz der Aufnahmen beigetragen.
P.: Es ist immer schwer, die letzte Produktion zu beurteilen, aber wo steht Bridges auf der Richterskala?
K.R.: Natürlich ganz nah am Erdbeben, ist doch klar.
P.: Hat sich nach den Solo-Eskapaden der einzelnen Stones-Mitglieder die Chemie innerhalb der Band verändert?
K.R.: Nein, das würde ich nicht sagen. Die gemeinsame Arbeit zwischen Mick und mir ist schon eine sehr konstante Sache. Ich war ja ursprünglich immer sehr dagegen oder zumindestens nachlässig, was die Aktivitäten außerhalb der Rolling Stones anging. Aber so um 1985 rum beschlich jeden das Gefühl: Ist das wirklich alles, was du machst?" Eigentlich eine ganz normale Sache, wenn man so lange zusammen ist. Mick war dann der erste, der ausscherte und seinen Solo-Ambitionen folgte. Ich verfluchte ihn dafür.
P.: Du sollst solch netten Sätze losgelassen haben wie Ich schneide ihm die Gurgel durch."
K.R.: Jaja, stimmt! So habe ich damals gedacht und gefühlt. Ich sollte also rumhocken und darauf warten, daß er mich wieder brauchte? Das war keine besonders attraktive Vorstellung. Die Stones waren für mich bis zu diesem Zeitpunkt die absolute Priorität, und jetzt hatte jeder plötzlich anderweitige Verpflichtungen. Wie sollte das funktionieren?
P.: Es hat ja geklappt, wie man heute weiß. Du hast mit den X-Pensive Winos deine Solo-Geschichte geschrieben. War das hilfreich?
K.R.: Ja, sehr hilfreich sogar. Die Winos waren ein Glücksfall für mich. Die Band existiert ja auch immer noch. Die Jungs sind verfügbar, und man kann die Truppe jederzeit wieder aktivieren. Ich habe viel gelernt dadurch, daß ich zum erstenmal in Eigenverantwortung außerhalb der Stones was durchziehen mußte. Am Ende war es wie bei den Stones auch eine verschworene Gemeinschaft, eine tighte Band. Ich habe gelernt, was Micks Job auf der Bühne ist, und ich bin sicher, er hat gelernt, was es heißt, sich mit Musikern auseinanderzusetzen, if you know what I mean (lacht).
P.: Wie gut ist Mick als Musiker?
K.R.: Er ist grandios. Zum Beispiel als Mundharmonika-Spieler ist er einsame Klasse. Und das ist ihm einfach so zugeflogen. Von einer Ausnahme abgesehen war er in ganz England der einzige, der das so draufhatte. Na ja, es ist ja ein bißchen wie Singen. Man preßt Luft aus dem Mund. Einmal durch die Harmonika, das andere Mal mit Worten. Aber Scherz beiseite. Mick hats drauf. Ich sage ihm immer: Sing doch mal so, wie du Harmonika spielst! Denn das klänge weniger, wie soll ich sagen, einstudiert.
P.: Gibt es andere Gitarristen oder Musiker, die du bewunderst oder wo du so etwas wie Eifersucht empfindest?
K.R.: Nein! Eifersucht kenn ich nicht, nur Bewunderung. Ich liebe all die alten Blues-Leute wie Jimmy Reed oder Muddy Waters. Da falle ich auf die Knie vor Ehrfurcht. Selbst bei Chuck Berry, mit dem ich mal das Vergnügen und eben nicht nur das hatte, ist für mich einer der Größten. Es war trotz aller Streitereien eine Erfahrung mit ihm für den Film Hail Hail RocknRoll" zusammenzuarbeiten. Als ich jung war, wäre ich dafür gestorben, bei ihm der zweite Gitarrist zu sein.
P.: Noch einmal zurück: Hätten die Solo-Ambitionen auch das Ende der Rolling Stones bedeuten können?
K.R.: Aber ja doch. Es war damals ziemlich knapp davor. Im Endeffekt hat sich noch mal alles glücklich gefügt. Jeder hat in puncto Musik und Leben ohne die Stones seine eigenen Erfahrungen gemacht und diese dann in die gemeinsame Arbeit mit eingebracht. Charlie, der mit seiner Jazzband um die Welt gereist ist, kam verändert zurück. Jetzt weiß ich erst einmal, was du seit 30 Jahren so mitmachst", sagte er zu mir. Denn er hatte eigentlich nie irgendwelche Entscheidungen treffen müssen. Er hat getrommelt, basta! Mick und ich haben uns halt immer gekabbelt und gestritten, wenns was zu entscheiden gab. Aber Charlie war durch dieses Erlebnis echt ein anderer, ein glücklicherer Mann.
P.: Spulen wir mal zurück bis zu den Anfängen in Dartford, wo du Mick damals angeblich auf dem Bahnsteig des dortigen Bahnhofes getroffen hast? Mit Bluesplatten unter dem Arm.
K.R.: Das stimmt ausnahmsweise, kein Mythos! Mick hatte den Zug verpaßt. Er mußte zur London School of Economics, und ich fuhr, 20 Minuten von Dartford entfernt, zur Kunstschule nach Sidcup. Ich erinnere mich sogar noch an die Platten, die er bei sich hatte das war Chuck Berry, Rockin At The", eine Platte von Chess-Records und The Best Of Muddy Waters". Zu diesem Zeitpunkt hatten wir uns gut fünf Jahre nicht gesehen. Und wenn du 17 Jahre alt bist, erscheint dir das wie eine Ewigkeit. Ich fragte ihn, ob er auf Blues stünde und wie er an diese raren Platten gekommen ist. Alles fing also damit an, daß Mick seinen Zug verpaßt hatte.
P.: Die Beatles trennten sich l970. Ihr seid 28 Jahre später immer noch alive an kickin. Wie erklärst du dir das?
K.R.: Es ist ganz einfach. Trotz all der Jahre und trotz all des Auf und Ab spielen wir gerne zusammen. Es ist fast so, als hätten wir eine Mission zu erfüllen. Man kann gar nicht anders. Das ist außerhalb unserer Kontrolle. Solange die anderen Jungs da sind, machen wir weiter und zwar solange, bis es nicht mehr geht. Keiner hat sich darüber gewundert, daß die Blues-Männer bis ins hohe Alter auf der Bühne standen: Muddy, Howlin Wolf, Duke Ellington, Count Basie und so weiter. Bei uns ist das genau so: Warum leckt sich ein Hund die Eier? Weil ers kann! Wir spielen, weil wir spielen können. Wir machen, was wir machen müssen.
P.: Die Bridges To Babylon-Tour mußte am Anfang ohne die Hauptattraktion, eine hydraulische Brücke, auskommen. Warum?
K.R.: Das blöde Ding ist einfach nicht fertig geworden. Es handelt sich um eine Feuerbrücke, die man für Unfälle auf Flüssen oder Meeren benutzt. Die Brücke geht nicht gerade hoch wie bei normalen Feuerwehrwagen, sondern beschreibt eine Kurve. Da es sich um einen Prototypen handelte, hat sich anfangs keiner so richtig getraut, das Ding zu benutzen. Alles mußte neu designt werden. Verdammtes Ding. Die Idee war nicht schlecht. Die Brücke sollte uns wieder mit dem Publikum verbinden. Am Ende der Brücke ist nämlich eine kleine Bühne, die uns an die Zeiten in Clubs erinnert. Man geht quasi durchs Publikum, und die räumlichen Verhältnisse werden neu definiert. Das Teil hat uns ein Vermögen gekostet vor allem, wenn man bedenkt, daß der ganze Zauber in drei Minuten vorbei ist. Aber was macht man nicht alles, um dem Publikum eine Gänsehaut zu verpassen. Sieht toll aus!
P.: In großen Stadien zu spielen ist ja nicht leicht. Braucht man da solche technologischen Attraktionen?
K.R.: Ich denke schon! Diese Showelemente helfen. Man kann experimentieren. Große Leinwände, neue Audio-Technologie - es geht halt darum, in solch gigantischen Arenen eine intime Clubatmosphäre zu schaffen. Das war und ist immer wieder eine Herausforderung.
P.: Wie gut bist du als Sänger?
K.R.: Ich bin durch die Winos besser geworden. Die haben schon mächtig Druck von hinten gemacht, und ich habe gelernt zu dosieren, wo man pausiert, wie man gleichzeitig spielt und singt. Bei den Stones stehe ich hinter Mick und kann dann und wann eine Zeile ins Mikrofon plärren. Das ist easy.
P.: Anderes Thema: Keith Richards, der Produzent. Du hast gerade eine Platte mit den Wingless Angels produziert. Wie kams dazu?
K.R.: Das war der reine Zufall, vollkommen ungeplant. Nach der Voodoo Lounge-Tour wollte ich Urlaub machen. Und zwar in meinem Haus auf Jamaika. Das hatte ich mir verdient. Bißchen rumhängen mit den Brothers, einen rauchen, bißchen spielen, was man halt so macht in einem Paradies. Ich kenne die Typen seit 197I oder 1972. Sie kommen aus einer Rastafari-Stadt. Wir trafen uns am Strand. Sie hatten keine Ahnung von den Stones, nichts von diesem ganzen Theater. Das war klasse, weil ich anonym sein konnte. Sie sahen und hörten mich Gitarre spielen und luden mich zu sich ein. Diese Musik, so sagte mir jemand aus Afrika, ist afrikanischer als afrikanische Musik. Sie hat dort in den Hügeln des Dschungels seit Hunderten von Jahren ohne äußere Einflüsse überlebt. Stimmen, Trommeln, Ende. Ohne irgend etwas zu planen, fingen wir aus Spaß an zu spielen. Sie brachten die Trommeln in mein Haus, und ich war total begeistert von der Schönheit dieser Musik. Eines nachts fuhren wir, 15 Rastas mit ihren Trommeln, in meinem Range Rover nach Kingston ins Studio. Und ich hab sofort kapiert das funktioniert nicht. Man kann das nicht in ein steriles Studio verpflanzen. Zu reglementiert. Nun, dann bleibt das halt unter uns. Nichts für die große Öffentlichkeit!
P.: Und wie gings weiter?
K.R.: Sehr mysteriös. 1995, nach der Voodoo Lounge-Tour war ich wie erwähnt in Jamaika. Traf die Jungs wieder, und ein Verantwortlicher vom Jamaican Film Board hörte eine unserer Sessions. Das muß man aufnehmen, sagte er, und ich erzählte ihm von dem mißglückten Versuch vor einigen Jahren. Ein paar Tage später tauchte ein mobiles Aufnahmestudio vor meinem Haus auf, ein Geschenk des Mannes vom Film Board. Nun, fein, aber wer sollte das Gerät bedienen. Am nächsten Tag klopfte es an der Tür, und der einzige Mensch auf der Welt, der so etwas aufnehmen kann, stand vor mir Rob Faboni, der in Jamaika verheiratet ist und die Jungs auch kennt. Das war schon seltsam. Es dämmerte mir, daß mit Urlaub wohl Essig war und irgendwelche geheimen Kräfte tätig geworden waren. Mein Haus verwandelte sich in ein Studio: Trommeln, Mikros, Kabel etc. Nach einem Monat, etwa zur Halbzeit, erschien dann auch noch Chris Blackwell (Island-Gründer, der den weltweiten Siegeszug des Reggae eingeläutet hat, Anmerkung des Verfassers) und sagte: Wenn du mit den Aufnahmen fertig bist, würde ich mich freuen, die Platte veröffentlichen zu dürfen!" Da wußte ich: He, wir arbeiten ja richtig."
P.: Du hast bei der Produktion auch Gitarre gespielt, oder?
K.R.: Ja, das war eine ganz besondere Ehre. Normalerweise sind abgesehen von Trommeln alle Instrumente bei diesen ernsthaften Rasta-Gesängen ein absolutes NoNo. Aber die Jungs haben drauf bestanden, daß ich mitmache. Dann fuhren wir mit den Basisaufnahmen nach New York, und ich überlegte, welche andere instrumentale Farbe überhaupt noch möglich ist. Mir fiel nur einer ein, der paßte: Frankie Gavin, ein Ire, der so ziemlich alle Instrumente beherrscht: Geige, Concertina, Flöten und viele andere mehr. Einer, der mit peruanischen Musikern ebenso spielen kann wie mit irischen Folklore-Ensembles oder ungarischen Zigeunern. Da klopfte es, und Frankie Cavin stand vor meiner Tür: Ich bin gerade in der Stadt und wollte fragen, ob du nicht Arbeit für mich hast?" Alles paßte. Jah hatte seine Finger im Spiel. Ich wußte nun, für wen ich arbeitete (lacht).
P.: Gibt es eine innere Affinität zwischen Blues und Reggae?
K.R.: O ja, die gibt es auf jeden Fall. Beide Musikformen sind von der Anlage her sehr simpel und von der Variation her grenzenlos. Außerdem akzeptieren sie - philosophisch gesehen - ein Grundleiden am Leben und tragen trotzdem die Hoffnung auf Erlösung in sich. Beide Musiken sind schwarze Musikformen. Und die haben mich immer weitaus direkter angesprochen als die Musik meiner - ähm - Rasse. Das gilt ja nicht nur für mich, sondern für viele andere auch: John Lennon, Eric Clapton. Sie alle haben sich in schwarze Musik verliebt. Da gibt es eine ganz bestimmte Spontanität, eine Direktheit, die man sonst nicht trifft. Viel später, wenn du dich intensiver damit beschäftigt hast, stellst du fest, daß das alles nichts mit der Hautfarbe zu tun hat. Das hat man in den Knochen, egal, woher man stammt.
P.: Hat man es auch in den Knochen, Songs - und darunter nicht wenige Klassiker - zu schreiben?
K.R.: Ja, aber sicher. Was ich nicht leiden kann, sind die Leute, die sagen (macht einen spitzen Mund): Ich habe dies und das geschrieben. Ich bin doch wahrlich ein Genie." Das ist Quatsch. Erst einmal setzt man sich damit mächtig unter Druck. Zum anderen bin ich der festen Überzeugung, daß man als Künstler einfach etwas empfängt, wofür man sich sensibilisiert hat. Man hat ein Gespür dafür entwickelt, man hat eine Antenne dafür wachsen lassen. Das ist alles. Man setzt sich hin und spielt - egal, ob auf der Gitarre oder am Klavier, und plötzlich entsteht da etwas. Man ist nur der Transmissionsriemen. Ein Verbindungsstück.
P.: Kannst du dich noch daran erinnern, wie ihr Honky Tonk Women" beziehungsweise Satisfaction" geschrieben habt?
K.R.: Ob dus glaubst oder nicht - ich habe keine Ahnung und keinerlei Erinnerung daran, wie Satisfaction" entstanden ist. Ich besaß damals einen kleinen Philips-Kassettenrecorder, der neben meinem Bett stand. Ich schlief ein, die Gitarre neben mir. Irgendwann in der Nacht muß ich aufgewacht sein und das Riff aufgenommen haben (macht die berühmten Anfangsakkorde nach). Ich kann mich aber beim besten Willen nicht daran erinnern. Am nächsten Morgen, als ich aufwachte, bemerkte ich, daß das Band durchgelaufen war. Ich spulte zurück und dachte: Vielleicht hast du in der Nacht auf den ,Play-Knopf gedrückt?" Genau diesen Knopf betätigte ich dann und lauschte zum erstenmal den Tönen von Satisfaction". Auf dem Rest des Bandes hört man nur mein Schnarchen.
P.: Sind Songs dann nicht eher Unfälle?
K.R.: Ganz genau. Es gibt Musiker, wenn die einen falschen Ton spielen, verziehen sie das Gesicht. Ich freue mich und denke: Achtung, das ist vielleicht die Geburt eines neuen Songs. Es sind Babies, die man - so gut man kann - nährt und aufwachsen sieht. Honky Tonk Women" war ursprünglich Country Honk", sehr Country-mäßig, Hank-Williams-like. Irgendwann mal sagten wir: Laß uns das mal anders spielen, etwa so." So ging das. Untersuche den Fehler. Lerne durch Unfälle.
P.: Die Stones fingen sehr jung an und wurden schnell berühmt. RocknRoll war ein boomendes Geschäft. Aber die Hauptakteure waren meist grüne Jungs. Seid ihr betrogen und abgezogen worden?
K.R.: Aber sicher! Mehr als einmal! Wie alle anderen auch zu dieser Zeit. Ich verstehe einiges vom Busineß, aber diese Seite interessiert mich wenig. Fest steht: In kaum einer anderen Branche gibt es so viele Haie und Piraten wie in diesem Geschäft. You take some, you win some, you lose some. Aber diese ganze Busineß-Scheiße langweilt mich.
P.: Bowie ging als Künstler und Kunstwerk an die Aktienbörse.
K.R.: Jaja, er verkaufte sein Zukunft und hatte kaum eine Vergangenheit. David, was hast du gemacht?
P.: Wer kümmert sich um euer Geld?
K.R.: Seit den frühen Siebzigern kümmert sich Rupert Lohenstein um die Geldangelegenheiten. Allen Klein hat sich vorher verdient gemacht. Wir kommen gut klar.
P.: In welchem Jahrhundert, welcher Zeit würdest du gerne leben, wenn du es dir aussuchen könntest?
K.R.: Das 16. oder 17 Jahrhundert stünde mir, glaub ich, ganz gut zu Gesicht.
P.: Wie wärs mit dem 1000jährigen Reich?
K.R.: Da hab ich was (zieht einen Casino-Chip, beidseitig mit einem Hakenkreuz versehen, aus der Westentasche). Ein Poker-Chip aus dem Berlin des Jahres 1938. Hitler war mir immer auf den Fersen. Aber Scherz beiseite. Pirat wäre ich ganz gerne gewesen. Mich fasziniert die ldee, ganz alleine seinen Mann zu stehen. Die Idee der Freiheit. Keinem außer sich selbst verantwortlich. Keine Autorität akzeptierend. Deswegen bin ich wohl unter anderem auch Musiker geworden. Denn seit ich die Schule verlassen habe, hat von mir keiner mehr ein Yes, Sir" gehört. Von wenigen Ausnahmen abgesehen: Vor Gericht und im Knast.
P.: Macht Erfolg frei und unabhängig?
K.R.: In gewisser Hinsicht schon. Ich bin froh, keinen Boß zu haben. Ich bin diesem System irgendwie entkommen. Aus mir manchmal unerfindlichen wundersamen Gründen bin ich seit meinem 19. Lebensjahr mein eigener Chef. Dafür muß man aber auch etwas tun. Man muß seinen eigenen Kurs abstecken, und eine Landkarte gab es damals nicht. Mick und ich mußten unseren eigenen Weg finden. Wie hält man eine Band solange zusammen wie wir? Keine Ahnung! Unsere erste Platte damals ging gleich in die Charts. Für uns wars das Wichtigste, wieder ins Studio zu kommen, um die nächste Scheibe zu machen. Wir dachten: Mein Gott, das wird in zwei Jahren eh vorbei sein!" Denn die wenigsten Bands überlebten die Gründerjahre.
P.: Stimmt es eigentlich, daß euer damaliger Manager Andrew Loog Oldham Mick und dich in der Küche eingesperrt hat mit der Maßgabe: Ihr kommt hier nicht eher raus, bis ihr einen eigenen Song geschrieben habt?"
K.R.: Das stimmt. Wir hatten den Beatles-Titel I Wanna Be Your Man" aufgenommen, und Andrew hatte die verrückte Idee, wir müßten eigene Songs schreiben, um autark zu sein. Andrew war ja selbst noch ein Teenager, wie wir auch, und obendrein ein kleiner Pirat, so wie wir auch. Aber er hatte kapiert, daß nur das Beatles-Modell funktionierte. Man konnte nicht überleben, wenn man nur die Songs anderer Leute interpretierte. Wir haben alles aufgefressen, was im Kühlschrank war, und das war nicht viel, aber morgens hatten wir As Tears Go By" geschrieben. Ziemlich merkwürdig. Wir waren Blues-beeinflußt und kamen da an mit einem mittelalterlich anmutenden Folksong. So etwas passiert einem nur am Anfang. Andrew hat hoch gepokert und gewonnen, und Marianne Faithfull war ein paar Wochen später hoch in den Charts damit. Bis dahin waren wir Musiker. Nichts weiter. Aber Musiker brauchen Songs, und die konnten wir jetzt auch liefern.
P.: Gab es Phasen, wo die Stones auf Trends und musikalische Strömungen reagierten?
K.R.: Sicher, wir hatten ein paar schwache Momente. Ende der Siebziger, als die Punks aufkamen, wurden wir als boring old farts, als alte Fürze, verunglimpft. Aber das war ein guter Tritt in den Arsch. Dann gab es diese unsäglichen Disco-Zeiten, wo wir up to date sein wollten. Man kann nie davon ausgehen, daß alle zur gleich Zeit dieselbe Entwicklung durchmachen. Das wird gezogen und geschubst. Der eine will Tradition bewahren, der andere will modern sein. Das ist normal. Laß uns machen, was wir gut machen." Das sollte die Devise sein.
P.: Abgesehen von den Disco- und Dance-Ausflügen gibt es so untypische Alben wie Their Satanic Majesty Request." drogenbeeinflußt?
K.R.: Klar, jeder experimentierte damals mit LSD herum, und das kam dabei raus. Meine Erinnerung daran ist deshalb auch ziemlich nebulös. Ich sollte mir mal die Platte anhören, um mich halbwegs daran zu erinnern.
P.: Wo wir gerade davon sprechen - wie stark haben Drogen die Entwicklung der Popkultur beeinflußt?
K.R.: Nun ja, da gibt es Zusammenhänge. Klar! Aber anfangs waren die Drogen nur Hilfsmittel. Wir hingen mit Musikern zusammen, die wir bewunderten. Wir waren damals 19, die meist schon 45 Jahre und älter. Wir waren todmüde, die immer topfit. Wir fragten sie, wie sie das anstellen und bekamen als Antwort: Du nimmst einige davon, rauchst ein bißchen davon." Aber das war nur Teil des Backstage-Lebens. Eine Sache der Musiker-Mafia, die das eigentlich sehr cool behandelte. Erst später taten die Hippies so, als wären Drogen alleiniger Lebenszweck und -inhalt. Für uns war das nur ein Nebenschauplatz. Die Hauptsache war - und ist - die Musik.
P.: Dennoch ist der RocknRoll-Himmel voller Drogentoter. Stimmt das nicht nachdenklich?
K.R.: Ja, schon. Aber keiner hat behauptet, es sei einfach. Das geht ja immer noch lustig weiter. Sie tun es immer noch. Drogen waren immer ein Bestandteil der Szene, aber das Hauptaugenmerk galt - zumindest früher - der Musik. Im Straßenverkehr sterben viele Menschen. Schaffen wir deswegen die Autos ab?
P.: Wie bist du selbst denn mit deiner Sucht umgegangen?
K.R.: Meine Droge ist eigentlich Adrenalin - und wenn diese Adrenalinstöße ausblieben, dann wendete ich mich anderen Drogen zu, um den Kick zu kriegen. Die heimtückischste Droge, die größte Verführerin, ist eindeutig Heroin. Man denkt anfangs, man könnte damit umgehen, und dann plötzlich hat das Heroin dich im Würgegriff. Der Affe sitzt auf deiner Schultern, und du hast nicht mal die Zeit, ihn loszuwerden. Ich habe das Ganze als Experiment angesehen, ein Experiment à la Baudelaire. Ich bin das Laboratorium und das Test-Tier. Keiner hat darüber zu befinden, was ich in mich reinstecke, außer ich selbst. Laß uns mal ausprobieren, was diese Droge in Verbindung mit der anrichtet (grinst). Als Experiment war es ziemlich erfolgreich, es hat nur viel zu lange gedauert.
P.: Ist - besonders auch in diesem Zusammenhang - Altern ein Problem für dich?
K.R.: Nein, überhaupt nicht. Ich weiß nicht, ob ich etwa zurückgeblieben bin oder vielleicht ein Spätentwickler, aber ich habe mich noch nie so wohl gefühlt in meiner Haut wie jetzt. Alles kommt zusammen. Ich finds interessant, älter zu werden. Ich bin neugierig, was da noch so kommt!
P.: Du trägst seit Jahren diesen Totenkopf-Ring. Warum?
K.R.: Ich habe mir diesen Ring mal von einem Freund anfertigen lassen, damit er mich immer daran erinnert, daß Schönheit nur bis unter die Haut reicht. Wenn man die Knochen freilegt, dann sehen wir alle so aus (streckt mir den Ring entgegen). Der nackte Totenschädel. Das ist es! Man erkennt nicht mehr, ob dieser Schädel einem Chinesen, einem Schwarzen oder einem Weißen gehörte. Dieser Ring hatte nie etwas mit Bikern oder Deadhead-Kult oder ähnlichem zu tun. Es ging nur darum, nie zu vergessen, was unweigerlich geschehen wird. Seit ich den Ring trage, bekam ich alles Mögliche mit dem Totenkopf-Motiv geschenkt: Unterwäsche, T-Shirts, Hemden. Mir fehlt nur eine Flagge, und ich könnte als Pirat in See stechen!
P.: Apropos in See stechen". Piraten haben sich ja zum Beispiel vor dem Klabautermann gefürchtet. Bist du abergläubisch? Heute ist Freitag, der 13.
K.R.: Was? Schon wieder? Ich wußte nicht mal, daß Freitag ist. Ich bin immer noch ein bißchen durcheinander. Los Angeles ist 17 Stunden entfernt. New York 14. Das ist zuviel für meinen armen Kopf. Point me in the general direction, und ich marschiere los.
P.: Bist du nun abergläubisch?
K.R.: Nein, ich gehe geradewegs unter einer Leiter durch. Sie steht halt da. Aber vielleicht ist das eine andere Form des Aberglaubens.
P.: Die Stones haben schon einige Male den Erdball umrundet. Denkt man an einen möglichen Crash, wenn man ins Flugzeug steigt?
K.R.: Jeder denkt daran. Aber wenns zu stark ist, fliegt man eben nicht mehr. Reisen ist ein ganz großer Teil unserer Mission. Ich bin auf dem Schiff und will die Welt kennenlernen, neue Menschen, fremde Kulturen. Reisen ist gefährlich. Aber ich habe die größte Angst, wenn ich in ein Auto steige.
P.: Das letzte Mal, als wir uns, trafen, hast du mir einen Whisky der Marke Rebel Yell kredenzt, den man nur schwer findet.
K.R.: Ich weiß, Jack (Daniels) hat den Markt fest in der Hand. Aber zur Zeit halte ich mich sowieso mehr an Wodka. Gemischt mit Saft oder Fanta.
P.: Wir sprachen vom Reisen. Stones-Tourneen dauern gewöhnlich lange. Wie hält man da das Familienleben aufrecht? Kann man ein guter Daddy sein?
K.R.: Das geht schon. Man muß es - in Analogie zu den Kapitänen von früher - machen: Darling, ich bin jetzt drei Jahre lang zur See. Dad loves you. Du weißt, wo ich bin. Du wartest auf mich oder komm mit!" Sicher, es ist nicht immer einfach. Man vermißt die Kids, man vermißt sein Zuhause. Andererseits sehen meine Kinder auf diese Art etwas von der Welt. Es ist Geben und Nehmen. Ich sehe meine Kinder in einer Woche. Sie kommen nach Buenos Aires und bleiben ein paar Wochen.
P.: Ein Foto deines Großvaters steht auf dem Nachttisch. Dein Vater begleitet dich auf den Tourneen. Wie ist euer Verhältnis?
K.R.: 20 Jahre haben wir nicht miteinander gesprochen. Ich bin ja früh von zu Hause weg. Wenig später haben sich meine Eltern getrennt, und von wenigen Briefen abgesehen, hatten wir keinerlei Kontakt. Die Stones wurden erfolgreich, und ich hab mich um meine Mutter gekümmert. Ihr ein kleines Häuschen gekauft. Was man halt tun kann. l981 oder 1982, ich war gerade in England, fand ich einen Brief vor. Er kündigte einen Besuch an. Und ich hatte die Hosen gestrichen voll. Man kann eine Pistole auf mich richten, das macht mir keine Angst. Aber dieses Ansinnen erschreckte mich derart, daß ich Ronnie (Wood) anrief und sagte: Ronnie, du mußt zu mir kommen, mein Vater kommt, um mich nach 20 Jahren zu treffen." Ronnie würde mit seinem Humor und seiner guten Laune eine gute Verteidigung sein. Ich erwartete, daß er reinkommen würde (verstellt die Stimme und deutet einen zum Schlag erhobenen Arm an): Wo warst du, verdammter Kerl." Statt dessen kommt der kleine alte Mann rein und sagt: Hallo, Sohn, wie geht es dir?" Mir ging das Herz über.
P.: Und wer gewinnt beim Domino?
K.R.: Er ist ein gefährlicher Kämpfer. Vicious. Meistens gewinnt er, aber ich habe ihn das letztemal vernichtend geschlagen.
P.: Du spielst mit Ron gerne Snooker (Billard). Und man konnte lesen, daß ihr euch für knifflige Entscheidungen einen renommierten Reverie engagiert?
K.R.: Jaja, wir spielen zwar miserabel, aber immer wenn wir in Europa sind, taucht Terry The Rev auf, und wir spielen vor jedem Gig mit weißen Handschuhen und all dem Brimborium einige Partien Snooker. Es tut gut. Ist gut für die Konzentration. Gehört mittlerweile zum Ritual. Man hört Musik, spielt und versucht zu punkten.
P.: Welche Musik hörst du privat?
K.R.: Ich höre, was immer mir in die Finger kommt. Portugiesische Fado-Musik, Klassik, Afrikanisches, Jazz, viel Reggae.
P.: Kannst du zehn deutsche Musiker nennen?
K.R.: Ihr hattet ja einige, die Bach-Jungs, Wolfgang, der mir einer der liebsten ist, Beethoven.
P.: Kennst du auch Zeitgenossen?
K.R.: Kaum, ich lebe ja nicht in Europa und kriege das nur mit, wenn ich auf Tour bin.
P.: Kannst du dich an den Stand-up-Comedian Rüdiger Hoffmann erinnern, der im Vorprogramm der Voodoo Lounge"-Tour aufgetreten ist?
K.R.: Jaja, ich erinnere mich. Gibts den noch? Der kam gut an!
P.: Wie sieht der Tagesablauf von dir aus? Wann stehst du auf? Wann gehst du schlafen? Wie sind deine Eßgewohnheiten?
K.R.: Ich esse fünfmal am Tag kleine Portionen. Daß man drei große Mahlzeiten zu sich nimmt, ist ein Relikt von der industriellen Revolution: Eat - sleep - work! Der Körper fühlt sich mit kleinen Portionen sehr wohl.
P.: Kannst du kochen?
K.R.: Klar, ich koche gerne!
P.: Was denn zum Beispiel?
K.R.: All diese englischen Sachen. Steaks, Eier, smashed Potatoes. Die Kids stehen drauf, wenn ich sie bekoche. Und ich probier alles aus, was scharf ist.
P.: Du stehst, das konnte man zeitweise an deiner Garderobe sehen, auf marokkanisches Interieur?
K.R.: Ja, ich liebe es orientalisch. Das ist cool. Mond, Sterne, Sonne. Kerzen. Das macht Laune. Man muß sich seine Umgebung schaffen, sonst schafft sie dich.
P.: Hast du nicht mal in Marokko gelebt?
K.R.: Ich habe mal ein halbes Jahr lang in Marokko verbracht: Fez, Tanger, Marrakesch. Weiß gar nicht, warum ich nicht wieder mal da war. Ich mag die Muslims.
P.: Bist du ein Kosmopolit?
K.R.: Ja, ich habe diesen Entdeckergeist. Zum einen finde ich es anderswo nicht schockierend fremd. Da war Bill Wyman der Spezialist. Zum anderen bin ich neugierig, zu wissen, wie andere Kulturen leben. Ach, so machen die das also?! Ich konnte mich eigentlich immer gut irgendwo einleben. Egal, ob auf Jamaika, in Afrika oder im Orient. Ich fühlte mich den meisten Menschen verbunden. Die Araber - großartig, laß uns arabisch werden. Hier mit den Rastafaris, laß mich ein Rasta werden! Wir spielen dieses Jahr in Moskau, mal schauen, wie das wird.
P.: Die hast mal gesagt, daß die Stones niemand verläßt höchstens auf einer Bahre oder im Sarg.
K.R.: Mick Taylor (ein früherer Stones-Gitarrist) ist entkommen. Und Bill Wyman auch, aber der lag schon so gut wie auf einer Bahre. Er sagte: Ich kann nicht mehr." Allerdings hat er seit seinem Ausstieg drei Kinder gezeugt. Da siehst du mal, was passiert, wenn man zu Hause bleibt (lacht). Aber nach all den Jahren - und früher sind wir in den letzten Bruchmaschinen geflogen - entwickelte er im Superjet-Zeitalter eine enorme Flugangst. Damit hatte die Entscheidung, aussteigen zu wollen, wohl auch zu tun. Er fuhr lieber 600 Meilen als zu fliegen. Dabei ist das weitaus gefährlicher.
P.: Nachdem Mick Taylor entkommen" ist, hieß es, ihr hättet Jeff Beck als zweiten Gitarristen engagieren wollen. Stimmt das?
K.R.: Mick Taylor ging, und wir waren im Begriff, Black and Blue" aufzunehmen. Jeff Beck kam nach Rotterdam, wo wir im Opernhaus probten. Aber der gute Jeff, so phantastisch er spielt, ist kein Team-Mensch. Wenn ich mir vorstelle, daß ich ihn hätte jeden Tag aufheitern müssen, mein Gott! Dasselbe gilt auch für Eric (Clapton): Warum habt ihr mich nicht eingeladen, bei euch einzusteigen?" Und ich antwortete ihm: Eric, du bist ein Star. Und außerdem bist du auch kein teamfähiger Musiker." Er engagiert seine Band, solange er sie braucht, und dann werden sie gefeuert. So geht das für mich nicht. Ich spiele gerne mit Eric, aber er ist ein Solo-Tänzer.
P.: Wo hast du all die Auszeichnungen, all die Goldenen, die du im Laufe der Jahre erhalten hast?
K.R.: Die sind alle überall verstreut. Im Büro meiner Managerin. Zuhause. Irgendwo im Lager. Irgendwann mal, nachdem der erste Reiz verflogen war, versuchte ich, eine dieser goldenen Schallplatten zu spielen und fand heraus, daß das nicht mal ein Stones-Album war, sondern Bert Kaempfert und sein Orchester oder etwas in der Art. Es ist schön, sie zu haben, aber inzwischen interessiert mich das reichlich wenig.
P.: Gibt es eine Auszeichnung, auf die du besonders stolz bist?
K.R.: Ja, die Trophäe von der Songwriter Hall Of Fame, die von Sammy Kahn unterzeichnet ist. Er war einer der besten Songwriter des 20 Jahrhunderts. Einer, der zahlreiche Standards unter anderem für Frank Sinatra geschrieben hat. Auf seinem Totenbett hat er gesagt: Ich möchte Keith mit in die Hall Of Fame reinnehmen." Das hat mich echt berührt, und ich bin da in guter Gesellschaft: Irving Berlin, George Gershwin und viele andere mehr.
P.: Wann hast du das letzte Mal geweint?
K.R.: Heute morgen, als ich Vivaldis Vier Jahreszeiten" hörte, kamen mir die Tränen. Du kannst die Scheiße aus mir rausprügeln, und ich verziehe keine Miene. Aber drei Töne gute Musik zur rechten Zeit, und mir steigt das Wasser in die Augen. Außerdem ist Heulen gut für die Augen.
P.: Hast du deine Frisur verändert?
K.R.: Nein, ich habe nur aufgehört, mir die Haare zu färben, um reifer auszusehen. Ich habe zeitweise blonde Strähnen reingemacht. Solange man überhaupt Haare hat, ist es doch gut.
P.: Liest du regelmäßig Tageszeitungen oder Magazine?
K.R.: Nein, das passiert eher zufällig. Ich sitze im Flieger und langweile mich, mein Buch ist ausgelesen, und dann lese ich halt, was da ist: Newsweek", Playboy", Rolling Stone", whatever.
P.: Welche Bücher liest du gerade? K.R.: Ein Buch über Schiffbau, türkische Teppiche und die Rastafari-Bewegung. Dann lese ich, wie du weißt, gerne Bücher übers Dritte Reich, weil ich halt wissen will, wer mich da ausbomben wollte, noch bevor ich aus den Windeln rausgewachsen war.
P.: Du sagtest, Hitler sei immer hinter dir her gewesen. Kannst du dich noch daran erinnern, daß ihr ausgebombt worden seid?
K.R.: Nein, natürlich nicht. Aber man hat es mir erzählt. Meine Mutter, echt smart, zog aus London weg, um vor den V 1-Raketen sicher zu sein. Sie zog in einen Vorort direkt neben einer Munitionsfabrik, wo die ganzen Dinger runterkamen. Bomb alley sozusagen. Wir waren glücklicherweise Windeln oder sonstwas kaufen, als das Ding direkt in meiner Kinderkrippe explodierte. Als wir zurückkamen, war das Haus eine qualmende Ruine.
P.: Wie alt warst du zu diesem Zeitpunkt?
K.R.: Da muß ich sechs Monate alt gewesen sein, das war ungefähr 1944. Bis zum heutigen Tag, wenn ich über einen Hotelflur gehe und einer schaut einen Kriegsfilm und man hört das Geräusch von Sirenen und Stukkas, da krieg ich immer noch eine Gänsehaut. Und es gibt eine Geruchserinnerung. Feuchte Tücher, nasse Klamotten, die wir in den Bunkern alle hatten - das steht für Angst.
P.: Themenwechsel: Du warst mal Kunstschüler. Sammelst du heute Kunst, Gemälde?
K.R.: Ja, ich stehe auf gute Bilder. lch habe auch ein paar schöne Stücke. Die Hälfte der englischen Rockszene meiner Generation ist in der Kunstschule herangewachsen: Eric Clapton, John Lennon, Ray Davies, Ron Wood - you name it.
P.: Zeichnest du selbst denn noch?
K.R.: Ja, dann und wann zeichne ich ein bißchen. Aber viel Zeit bleibt dafür nicht. Hier dieses Logo der Wingless Angels (zeigt auf sein T-Shirt) stammt von mir.
P.: Hat man dir schon mal angeboten, deine Memoiren zu schreiben?
K.R.: Klar, mehrmals. Aber wozu das? The story aint finished yet. Was wollt ihr, Band eins?
P.: Hast du dir denn schon einmal Notizen in dieser Sache gemacht?
K.R.: Klar, manchmal hab ich so einen Anfall. Aber das ist es ja gerade. Ich habe fast Angst, mit dieser Recherche anzufangen, denn eine Erinnerung gebiert die nächste, und bei meinem Leben ist das eine unendliche Geschichte. Kapitel eins: Hitler war mir auf den Fersen oder der Tag, an dem seine Raketen meine Kinderkrippe in Schutt und Asche legten.
P.: Was bringt dich zum Lachen?
K.R.: Wo wir gerade bei den Nazis waren - Leute wie Hermann Göring. Old Hermann wäre besser 500 Jahre früher zur Welt gekommen - als Raubritter. Damals wärs ihm besser gegangen.
P.: Bist du ein politischer Mensch? Was hältst du von Tony Blair?
K.R.: Die englischen Sozialisten sind doch heute noch etwas weiter rechts, als es die Konservativen vor zwölf Jahren waren. Das ist doch ein Lacher. Tony Blair sollte sich bei Margaret Thatcher bedanken. Die hätten heiraten sollen.
P.: Früher habt ihr halbwegs politische Songs wie Street Fighting Man" geschrieben. Davon ist heute nichts mehr zu spüren.
K.R.: Das hat Gründe. Erst in den Sechzigern hat, wenn man so will, der Zweite Weltkrieg aufgehört. Da konnte man noch so einen universell gültigen Song schreiben. Es ging noch um große Lösungen für große Konflikte. Heute ist alles schnellebig, sehr lokalbezogen. Sollen wir etwa über die Serben schreiben? Das interessiert doch morgen niemanden mehr.
P.: Was wird die Welt in Zukunft verändern Internet?
K.R.: Ich finde ja, daß dies noch in den Kinderschuhen steckt. Ich schwitze nicht über einem Computer. Aber das wird seine Wirkung haben. Aber erstmal haben die Kopfschmerzen wegen der Datumsumstellung bei der Jahrtausendwende.
P.: Wo wirst du Silvester 1999 sein? Werden die Stones irgend etwas zusammen machen?
K.R.: Keine Ahnung, aber man wird es sehen und bestimmt auch hören!
P.: Hast du einen Computer? Surfst du im Internet?
K.R.: Ich habe schon einmal damit rumgespielt und ein paar Internet-lnterviews gegeben, aber ich überlasse das doch lieber meinen Kids. Mich interessiert halt nicht, was andere Arschlöcher am anderen Ende der Welt über dies oder das denken. Außerdem ist es ungesund für den Körper und die Augen, den lieben langen Tag am Computer zu hocken.
P.: Wenn du für einen Tag der König der Welt wärest...
K.R.(grient): Jaja, die absolute Weltherrschaft ist Teil meines Plans, wenn ich ein bißchen Freizeit hätte.
P.: Mal Scherz beiseite: Was würdest du ändern wollen, wenn du es könntest?
K.R.: Ich würde versuchen, ein paar Menschen am Leben zu halten, die so keine Chance haben. Love the neighbor! Christlicher kann ich nicht werden. Nächstenliebe ist gar nicht so schlecht. Und es wäre doch sehr schön, wenn man ohne Angst leben könnte.
P.: Was ist geblieben von den Parolen der Sechziger: Free love, free sex, free this and free that?
K.R.: Die Rolling Stones gibts nicht umsonst. Man hat free love und heutzutage auch free Aids. Das ist geblieben!
P.: Sind Groupies eine aussterbende Spezies?
K.R.: Groupies, äh. An die denke ich gerne und mit Herzklopfen zurück. Ehrlich!
P.: Die Beatles haben vor Jahrzehnten den MBE bekommen. Könntest du dir vorstellen, daß man euch auch mal einen Titel verleiht?
K.R.: Die Herrschaften wissen ganz genau, daß ich die nie in meine Nähe lassen würde mit den scharfen Schwertern. Die sind zu gefährlich.
P.: Also kein Sir Richards nach Sir Elton John?
K.R.: Oh, Sir Brownnose. Der hat schon jahrelang danach gegiert, diesen Adelstitel zu bekommen, wie viele andere Briten auch, die sich verdient gemacht haben. Na ja, wenns schön macht.
P.: Wie kam es zu dem Streit zwischen Elton und dir, in dessen Verlauf er dich als athritischen Affen bezeichnete?
K.R.: Alles, was ich gesagt habe, war, daß der Mann wohl gerne Songs über tote Blondinen singt. Ich fands komisch, daß er einen Song, der ursprünglich von Marilyn Monroe handelte, kurzfristig umfunktionierte für die Di-Beerdigung. Da ist mir das mit den toten Blondinen rausgerutscht, und er spielt am nächsten Tag verrückt. Dabei will ich gar keinen Streß mit Sir Brownnose. Er soll machen, was er will. Ist mir scheißegal.
P.: Was hältst du von den Spice Girls?
K.R.: Na ja, ein faszinierendes Phänomen. Das sind vielleicht ein paar Schlampen. Können sie singen? Nein! Können sie spielen? Nein! Die Welt ist verrückt, sie braucht solche Sachen. Aber die werden nicht lange überleben. Sie kommen und gehen, und meistens kommen sie. Ist das nicht ein Interview für den Playboy?
P.: Marianne Faithfull hat in ihren Memoiren geschrieben, du seist im Vergleich mit Mick der bessere Lover.
K.R.: Das stimmt natürlich. Ich habe sie kürzlich getroffen. In New York. Sie macht mit Rob Faboni, der auch das Wingless-Angels-Album aufgenommen hat, ein neue Platte. Es war nett von ihr, das zu schreiben. Aber ich vermute mal, sie wollte Mick eins auswischen (lacht).
P.: Hast du mal Elvis Presley kennengelernt?
K.R.: Nein, als ich die Chance dazu hatte, war er schon fett und unansehnlich. Nicht der Elvis, den ich kennenlernen wollte. Ich liebte ihn in den frühen Jahren - von 65 bis 68. Aber ich hab mit seiner Band, mit Scotty Moore, gespielt, wenn du weißt, was ich meine.
P.: Stell dir vor, eine gute Fee käme zu dir und würde sagen: Du hast einen Wunsch frei. Was würdest du dir wünschen?
K.R.: Ich bin ja schon reichlich bedacht worden vom Leben, vom Schicksal. Im blessed! Deswegen würde ich der Fee raten: Mach was für die anderen. Hilf den Afrikanern, hilf denen, die sich hassen. Hilf, diesen Haß zu besiegen! Ich brauche nichts. Ich habe genug bekommen! Geh und benutze meinen Wunsch für die anderen.
P. (zeige ihm ältere Playboy"-Ausgaben, eine mit Madonna): Das ist Madonna, wie du siehst.
K.R.: Ja, man siehts an ihren Titten. Ich dachte immer, sie sei eine Sängerin?
P.: Was ist das Geheimnis von Musik?
K.R.: Das gewaltigste Gemälde steckt in einem Rahmen. Das bewegendste Buch zwischen zwei Deckeln. Musik ist dagegen frei, sie hat eine enorme Kraft. Wenn sie gespielt wird, ist sie mächtig. Sie bewegt. Musik hat wohl - neben den Bluejeans mehr damit zu tun gehabt, die Berliner Mauer und die Sowjetunion zum Einsturz zu bringen als alle Raketen und Politiker zusammen. Das ist das Mysterium.
P.: Willst du auf der Bühne sterben?
K.R.: Hm, keine Ahnung! Aber der Akkord, den ich dann spielen werde, muß schon gewaltig sein, the lost chord!
P.: Bist du ein glücklicher Mensch?
K.R.: Ja, verdammt noch mal, immer gewesen. Mal mehr, mal weniger. Aber im großen und ganzen bin ich glücklich. Ja!
P.: Danke für das Gespräch, Keith.
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