Der Meister (K.R.) himself gab einem kleinen, deutschen Nachrichtenmagazin (S.), daß den Stones noch vor ein paar Jährchen vorwarf, nicht live zu spielen, ein Interwiev der Extraklasse. Ob er dabei wirklich Orangensaft getrunken hat, ist nicht überliefert.

S.: Mister Richards, Ihr rechter Stiefel hat vorne ein Loch.
K.R.: Das sind meine Bühnenstiefel. Den rechten erwischt es immer zuerst. Das ist der, mit dem ich den Takt von unserem Drummer Charlie Watts halte.
S.: Die Welttour ist seit ein paar Wochen vorbei.
K.R.: Aber ich bin immer noch unterwegs. Jetzt um diese Tageszeit baut mein Körper dieses Adrenalinhoch auf, und ich merke, wie ich auf die Bühne will: "Okay, let's go - we are ready to rock". Dann sagt mein Verstand: "Es gibt keine Show heute abend, Mann. Beruhige Dich wieder."
S.: Wie sieht ihre Kur aus?
K.R.: Rumlaufen, mit Freunden durch New York ziehen, über unsere neue Live-CD "No Security" reden, wo wir jetzt noch unsere kleineren Hits draufgepackt haben. Auf keinen Fall zu Hause ins Bett legen. Da würde ich wahrscheinlich nie wieder aufstehen. Der kalte Adrenalin-Turkey macht dich dann fertig.
S.: Zwei schwarze Levi's Jeans, zwei paar schwarze Stiefel - andere Rockstars transportieren Container von Kleidern mit sich herum.
K.R.: Ich auch, aber ich schau' mir das Zeug nur an. Ich entscheide mich am Ende immer für diese schwarzen Stiefel und diese schwarzen Jeans.
S.: Sind diese Kleidungsstücke für sie ein Fetisch?
K.R.: Ja, und sie sind praktisch. Diese Sohlen halten mich auf der Bühne fest. Wenn die Stones loslegen, brauchst Du Kampfstiefel. Gute sind schwer zu kriegen. Ich glaube, die sind aus Rumänien.
S.: Sie kleiden sich minimalistisch, und ihre Art Gitarre zu spielen, folgt demselben Prinzip: "Schmeiß alles Überflüssige auf den Müll, laß nur das Wichtige stehen." Wie kommen sie auf so was?
K.R.: Meine Basistheorie ist: Wenn du ein Maler bist, ist das Wichtigste deine weiße Leinwand. Ein guter Maler wird nie alles vollschmieren - sondern stets ein wenig Platz lassen. Meine Leinwand ist die Stille. Wenn Du diese Stille zu sehr ausfüllst, fangen die Probleme an, und am Ende steht nur noch alles dumm im Weg rum. Für mich geht es im Rock 'n' Roll nicht darum, wer am schnellsten wie viele Noten spielen kann. Für mich geht es darum, daß vier oder fünf Leute klingen, wie ein Ding.
S.: Sie sind dafür bekannt, daß Sie auf Ihren Tourneen die Nächte durchmachen. Was ist Ihr Rekord?
K.R.: Neun Nächte, das war 1975 mit Ronnie Wood in New York. Wir waren immer in diesen Apartements mit diesen Mädchen und nur Gott weiß, was wir da sonst noch so getan haben, aber pünktlich zur Show tauchten wir immer im Madison Square Garden auf. Die Polizei, die Sicherheitskräfte, alle klopften uns auf die Schultern. Wir fuhren praktisch mit dem Taxi auf die Bühnen.
S.: Heute sind Sie 54 Jahre alt. Wie viele Nächte muten Sie sich noch zu?
K.R.: Damals dauerte eine Rock 'n' Roll-Show 45 Minuten - heute mußt Du zweieinhalb Stunden spielen. Bei dieser Tournee haben wir in Moskau mal wieder drei Tage durchgefeiert. Wir saßen in unserem Hotel, schauten auf den Fluß und den Kreml, Ronnie war im Zimer, mit ein paar Gitarren, und russiche Zigeuner kamen mit Fiedeln und brachten immer mehr Freunden mit. Schwer zu sagen, wer alles genau da war, nach zwei Tagen verliert man allmählich den Überblick.
S.: Und wo war Mick Jagger?
K.R.: Mick hat nie besonders lange durchgehalten. Mick ist so ein Typ, der guckt mal rein in die Party, ist zehn Minuten da, und dann ist er wieder weg.
S.: Geht er dann ins Bett?
K.R.: Nein, fünf Stunden später steht er wieder da und guckt noch mal. Keine Ahnung, was er da treibt. Ein Gentleman redet nicht über die Angelegenheiten eines anderen Gentleman - selbst wenn er sich daran erinnert.
S.: Der große Star der Tournee waren weder Sie noch Mick - es war Ihr Schlagzeuger, der schweigsame und bescheidene Gentleman, Charlie Watts. Die Leute gaben ihm minutenlang stehende Ovationen. Stört Sie das?
K.R.: Nein, danach bin ich immer mit singen dran, und vorher kann ich eine Pause brauchen. Außerdem, wenn es einer verdient hat, dann Charlie. Ruhm stand nie weit oben auf seiner Liste. Er ist ein unglaublicher Drummer: Charlie, the Beat, Watts.
S.: Die Leute sehen ihn auch als den Mann, der die Stones in den achtziger Jahren gerettet hat, als der Privatkrieg zwischen Ihnen und Jagger losging und Watts Jagger zur Räson brachter, indem er ihn in einem Hotel in Amsterdam verprügelte.
K.R.: Mick ist ein schlechter Trinker, drei Chardonnay, und es ist vorbei mit ihm. Und damals rief er um fünf früh Charlie Watts auf seinem Zimmer an und verlangte sein Drummer zu sprechen. Charlie legte auf. 20 Minuten später klopfte es an Micks Tür. Da stand Charlie. Frisch rasiert, dreiteiliger Anzug aus der Savile Row, die Schuhe blank poliert. Er geht zu Mick und sagt: "Nenn mich nie mehr deinen Drummer." und schlägt direkt zu. Ich sehe, wie Mick fällt, nach hinten in die silberne Platte mit dem geräucherten Lachs, Richtung Fenster und Richtung Kanal. Ich dachte: "Was soll's, laß ihn ins Wasser fallen, dann haben wir unsere Ruhe", aber dann merkte ich, daß ich ihm an diesem Abend mein weißes Hochzeitssakko geliehen hatte. Das wollte ich nicht verlieren. Das hätte mir meine Frau nie verziehen.
S.: Charlie Watts sieht gar nicht so gefährlich aus.
K.R.: Der Mann ist Schlagzeuger. Für seine Arme braucht er eigentlich einen Waffenschein.
S.: Wie lösen Sie heute Konflikte bei den Rolling Stones?
K.R.: Indem ich Mick nicht mehr mein Hochzeitsakko leihe. Nein, im Ernst, wir vermeiden Konflikte, weil wir aus unserem Krieg in den Achtzigern gelern haben. Ich mußte damals auf einmal in meiner eigenen Band singen und habe gemerkt, wie anstrengend Micks Job ist. Mick hatte seine eigene Band und hatte gemerkt, daß er sich etwas wie die Rolling Stones nicht einfach so zusammenkaufen kann. Charlie hatte eine Jazzband und hat gemerkt, was es bedeutet, verantwortlich für eine Band zu sein.
S.: Trotzdem sagt Mick Jagger: Wenn es noch Keith Richards ginge, würden die Rolling Stones immer noch alte Rythm-and-Blues-Stücke in einem Keller irgendwo in Leeds spielen.
K.R.: Ohne mich würde Mick nicht einmal in einem dunklen Keller in Leeds singen.
S.: Er wirft Ihnen auch vor, daß Sie bei Geschäftstreffen, wo es um Millionenbeträge geht, einfach einschlafen.
K.R.: Ich schließe die Augen, aber ich schlafe nicht. Wenn zehn Leute um einen Tisch sitzen und durcheinanderreden, höre ich lieber zu, als noch als elfter meinen Senf dazuzugeben. Nur wenn es nötig ist, schrei ich: "Alles Unsinn!" Business interessiert mich nicht, aber als Mitglied einer erfolgreichen Rockband mußte ich irgendwann ein paar Grundregeln lernen. Die wichtigste lautet: Wenn Du nur noch übers Geschäft redest, hast du im Musikgeschäft nichts mehr verloren.
S.: Auf ihrer Welttournee haben die Rolling Stones 150 Millionen Dollar verdient. Sie selbst zählen zu den reichsten Musikern der Welt. Interessiert Sie Geld überhaupt noch?
K.R.: Im Rock 'n' Roll bedeutet Geld doch nur, daß die Leute Dich lieben. Sonst bedeutet Geld nichts, außer daß ich auch manchmal in einer Schule oder sonstwo aushelfen kann.
S.: Zum Ritter geschlagen werden Sie für diese unauffällige Art der Wohltätigkeit aber nicht.
K.R.: Das fehlt ja noch, daß Leute mit scharfen Klingen in meine Nähe kommen.
S.: Gefahr lauert ja schon in Ihrer Bibliothek. Als Sie im Sommer angeblich beim Büchersuchen verunglückten, dachte die ganze Welt, Keith Richards kann nicht mehr auf die Bühne. Er hat wieder zu viele Drogen genommen.
K.R.: Noch mal zum Mitschreiben für Sie und die ganze Welt: Eileen Guggenheim von der New Yorker Academy of Art bat mich, für eine Wohltätigkeitsveranstaltung ein paar Bilder zu zeichnen. Nachts um zwei habe ich in meiner Bibliothek nachschauen wollen, wie der Meister Leonardo da Vinci das gemacht hat. Nur stand das Buch ganz oben bei den schweren Kunstbüchern. Auf einmal fiel alles in Zeitlupe auf mich herunter, wie das immer so ist, wenn man weiß, daß man stirbt. Es waren dann doch nur zwei gebrochenen Rippen, aber die Botschaft von Leonardo war eindeutig: "Junge, laß die Finger vom Zeichnen, denn du hast von Anatomie keine Ahnung."
S.: Jetzt zeichnen Sie nur noch zum Spaß?
K.R.: Für meine Töchter, wenn ich auf Tournee bin. Den Erfinder der Faxmaschine sollte man heiligsprechen. Sobald ich unterwegs einen netten Hund sehe, male ich den und schicke ihn nach Hause. Oder: "Hier ist Dad mit seinen gebrochenen Rippen auf dem Fußboden." Oder: "Ich habe gerade einen neuen Schuh für Dich gefunden." Oder ich male eine Nase. Dann wissen meine Töchter, daß ich mit Ronnie in einem Zimmer sitze und es mir gutgeht.
S.: Ihre jüngste Welttournee wurde von der Mobiltelefon-Firma "Sprint" gesponsort.
K.R.: Ich hasse Telefone, weil ich dem Typen nicht in die Augen sehen kann. Ich vergesse alles, was mir einer am Telefon sagt, ich mag kein Geplauder. Das Telefon ist nur für Informationen zu gebrauchen, wie diese: "Wir treffen uns um halb vier." Oder "Komm vorbei - mein Haus brennt."
S.: Rock 'n' Roll war stets mit Rebellion verknüpft. Wie können Ihre Kinder gegen Sie rebellieren?
K.R.: Schwierige Aufgabe. Mein Sohn Marlon macht einen guten Job als Illustrator und hat eine kleine Tochter.
S.: Marlon, war das nicht der, den Sie in Ihrer schlimmsten Drogenzeit immer auf Tournee mitgeschleppt haben?
K.R.: Ich schlief damals mit einem Revolver unter dem Kopfkissen, und mein Sicherheitskräfte wußten, daß es nur einen gab, der mich wecken durfte: Marlon. Sie selbst trauten sich nicht. Meinen eigenen Sohn, nahmen sie an, würde ich nicht erschießen.
S.. Die Stones widmen inzwischen ihren Familien viel Zeit, dafür geht es jetzt im Weißen Haus zu, wie bei Ihnen früher hinter der Bühne.
K.R.: Bill hätte mich als Anwalt engagieren sollen, ich hätte ihm helfen können. Ich hätte ihm ein Attest besorgt, auf dem steht: "Er leidet unter Streß, er braucht drei Blow-Jobs am Tag. Wenn es schlimmer wird, auch fünf."
S.: Großpapa Richards ist nicht von der Bühne zu kriegen. Wollen Sie allen beweisen, daß man auch in diesem Job würdig und entspannt altern kann?
K.R.: Das gelang bis jetzt nur den alten Blues-Musikern. Muddy Waters, Chuck Berry, B.B. King, alles freundliche, demutsvolle Männer, alles echte Gentleman.
S.: Und alles Schwarze.
K.R.: Und von denen schwört jeder aufs Grab seiner Mutter, daß ich kein Weißer bin.
S.: Wollen Sie wie die spielen, bis sie irgendwann tot umfallen?
K.R.: Keine Ahnung, ich bin auf einer Mission.
S.: Und was ist deren Ziel?
K.R.: Wenn ich das herausbekomme, habe ich da draußen nichts mehr verloren - dann ist die Mission beendet.
S.: Mr. Richards, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
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